Mischmasch - die feine englische Art
Multireligiöser Religionsunterricht in England

Christa Dommel

Mischmasch - so nennen Kritiker abwertend den englischen pädagogischen Ansatz, allen Kindern, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, gemeinsam Religionsunterricht zu erteilen. "Mishmash" (1) ist daher auch der Titel eines Buches zum Thema, geschrieben von einem der wichtigsten Befürworter genau dieses Konzepts, Prof. John Hull. Was passiert eigentlich genau in diesem Unterricht, in dem - so die geharnischte Kritik von Baroness Cox im House of Lords 1988 - "wir Gefahr laufen, unser spirituelles Erstgeburtsrecht zu verkaufen für einen fürchterlichen säkularen Eintopf" (2)? Während eines mehrmonatigen Englandaufenthalts hatte ich Gelegenheit, meiner Neugier nachzugehen.

Eine Gruppe von Kindern, etwa 10 Jahre alt, sitzt im Kreis, gespannte Erwartung liegt auf den Gesichtern. Ihre Lehrerin hat gerade samtweiche rote Geheimnissäckchen verteilt, deren Inhalt von außen vorsichtig betastet wird. Klar ist, daß etwas Besonderes, nichts Alltägliches darin ist. Ein Kind nach dem anderen packt seinen Schatz aus - es sind religiöse Gegenstände aus dem hinduistischen Kulturkreis, die für "Puja", das tägliche Gebet zu Hause oder im Tempel gebraucht werden. Keine Enttäuschung auf den Gesichtern der Kinder (darauf hatte ich gewartet), sondern anhaltendes neugieriges Interesse. Die Figur des elefantenköpfigen Gottes Ganesha oder die kleinen Kerzenhalter und Behälter werden mit Respekt und Feingefühl in den Händen gehalten und von allen Seiten begutachtet. Ein Junge, dessen Eltern aus Indien stammen und dem diese Gegenstände vertraut sind, erzählt stolz, was er damit verbindet. Andere Kinder - christlich, muslimisch oder konfessionslos - beteiligen sich am Gespräch, vergleichen die Inhalte ihrer Samtsäckchen und hören, was es heißt, ein Hindu in England zu sein. Die Lehrerin moderiert und stellt zwischendurch Fragen oder erklärt etwas. Diese Szene, Ausschnitt eines Films, den ich am "Tag der Offenen Tür" im Westhill Religious Education Centre, einem College für Lehreraus- und -fortbildung in Birmingham, gesehen habe, spiegelt schulischen Alltag wider: Im multireligiösen Religionsunterricht der öffentlichen Schulen werden die SchülerInnen nicht nach ihrer Religions- oder gar Konfessionszugehörigkeit in getrennte Klassen geschickt, sondern lernen miteinander und voneinander über die eigene und die anderen Religionen in ihrer Stadt, die buchstäblich greifbar werden. Dabei spielen methodisch nicht nur die genannten religiösen Artefakte eine wichtige Rolle, sondern auch Besuche in umliegende Tempel, Synagogen, Moscheen und Kirchen. Neben diesem religionskundlich-informativen Ansatz spielt der themenorientierte Ansatz eine wichtige Rolle. Hier werden existentielle Lebensthemen der SchülerInnen wie z. B. Natur, Familie, Freundschaft, Feste, Tod oder gesellschaftliche Normen in Beziehung gesetzt zu den religiösen Traditionen und zur eigenen spirituellen Entwicklung (letztere wird besonders im Lehrplan hervorgehoben). Denn Ausgangspunkt von "Religious Education" (RE) ist das einzelne Kind, das befähigt werden soll, im religiös pluralistischen Umfeld seine persönliche Orientierung zu finden, moralische Maßstäbe zu entwickeln und harmonisch mit Andersgläubigen zusammenzuleben. Generell hatte ich in England den Eindruck, daß ein persönlicher religiöser Glaube - unabhängig davon, welcher - weniger als in Deutschland als peinlich oder uncool gilt, bei Erwachsenen wie bei Kindern, sondern hohe Wertschätzung genießt - auch wenn wie in Deutschland die Zahl der Kirchenbesucher abnimmt. Das Wissen etwa: "they pray for us" ("sie beten für uns") wird als Freundschaftsbeweis verstanden, und zwar durchaus nicht nur von älteren Menschen oder kleinen frommen Randgruppen. Die spirituelle Entwicklung jedes Menschen gilt als wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft, nicht als Privatsache - dies spiegelt sich in vielfältigen politischen Verlautbarungen wider, etwa wenn Tony Blair die 300-Jahr-Feier der Ordensgründung der Sikhs eröffnet, oder an den öffentlichen Schulen, wo jeden Morgen noch immer gemeinsame Schulandachten stattfinden. Deren Charakter ist de facto ebenfalls multireligiös - vom Gesetzestext wird er allerdings seit 1988 als "überwiegend christlich" definiert, was für muslimische Eltern auch schon vereinzelt Anlaß war, ihre Kinder nicht daran teilnehmen zu lassen (wozu sie ebenso das Recht haben wie selbst eine - kostenneutrale - Alternative zu organisieren). Im Streit um das Konzept des Religionsunterrichts hat sich jedoch in den letzten 30 Jahren die Zusammenarbeit der verschiedenen Religionsgemeinschaften mit den lokalen Bildungsbehörden bewährt und zu einer breiten Akzeptanz des multireligösen Konzepts geführt. Bis Ende der 60er Jahre war die englische Religionspädagogik noch ganz anders orientiert, das Ziel war christliche Unterweisung. Der Religionspädagoge Michael Grimmitt (1982) beschrieb das Problem der zunehmenden Irrelevanz dieses Konzepts: "Die überwiegende Mehrheit der SchülerInnen verbindet mit Religionsunterricht die Wiederholung von altbekannten Bibelgeschichten, unglaubwürdigen Wundern und befremdlichen Gleichnissen, (...) Landkarten von Palästina (...) und dem Warten auf die Pause oder (...) ein Entkommen in die "richtige" Welt draußen." (3) 1970 kam der Wendepunkt mit dem "Durham-Report": eine Kommission der Church of England, der englischen Staatskirche, die sich mit der veränderten gesellschaftlichen Realität der Einwanderung befaßt hatte, kam zu dem Ergebnis: "Auf Akzeptanz für einen bestimmten Glauben oder ein Glaubenssystem zu drängen, ist die Pflicht und das Privileg der Kirchen und ähnlicher religiöser Körperschaften. Es ist jedoch nicht die Aufgabe eines Lehrers in der öffentlichen Schule." (4)

Abgesehen von den verfassungsrechtlichen Unterschieden im Vergleich zu Deutschland (Großbritannien hat keine Verfassung und kann daher Bildungsgesetze unabhängig von Verfassungsvorgaben verabschieden) ist es wohl auch die große institutionelle Stabilität der englischen Staatskirche, die sie befähigt zu diesem vergleichsweise souveränen und angstfreien Umgang mit den anderen Religionsgemeinschaften und einem Verzicht auf das Privileg eines "christlichen Religionsunterrichts" zugunsten des weitaus schwierigeren Einigungsprozesses eines "Religionsunterrichts für alle". Theologische Reflexion begleitet diesen dialogischen Prozeß und beleuchtet dabei die gesellschaftliche Relevanz des religiösen Glaubens auch und gerade in einer pluralistischen Situation, unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Prof. Hull, Theologe und Religionspädagoge, beschreibt die beiden rivalisierenden Konzepte von Religionsunterricht. Den exklusivistischen Ansatz, der sich gegen einen gemeinsamen RU wehrt, kennzeichnet er so: "Diejenigen, die Angst haben vor Mischmasch, sind zutiefst respektvoll anderen Religionen gegenüber. Jeder Glaube soll seine Reinheit und Integrität bewahren. (...) Ich bin heilig, sagt die Anti-Mischmasch-Argumentation, und Du bist heilig, aber der Boden zwischen uns ist unheiliger Boden, und wir werden uns gegenseitig vergiften, wenn wir uns treffen, weil sich dadurch das Blut schädlicherweise mischt." Seinen eigenen inklusiven Ansatz beschreibt er umgekehrt: Weder Du noch ich bin heilig, sondern der Raum zwischen uns ist heiliger Boden, und Heiligkeit entsteht durch Begegnung. (5) Der Bischof von Leeds, David Konstant, begrüßt diese Ermutigung zum Schauen auf Gott aus verschiedenen Blickwinkeln mit ausdrücklicher Berufung auf das Neue Testament: "Wenn die Wahrheit uns frei macht, ist dies ein Freiraum, vor dem wir uns nie fürchten müssen." (6) Die Universitäten Birmingham und Warwick (Prof. Robert Jackson) fanden in zwei voneinander unabhängigen Studien heraus, daß das Bewußtsein der eigenen religiösen Identität bei Kindern sich durch die Begegnung mit anderen Religionen eher vertieft als auflöst oder verwirrt. Jackson (1993) betont, daß für Kinder nicht die verschiedenen Welten, in denen sie leben, verwirrend sind, sondern - wenn überhaupt - die Fragen der Lehrer, die darauf bestehen, daß sie zu einer der großen Weltreligionen gehören müssen, während sie vielleicht zu einer religiösen Gruppe gehören, die keine Unterschiede macht zwischen Hindus und Sikhs.(7)

Für mich als Deutsche war es frappierend zu sehen, daß "Dialog" in England nicht nur als theologisches Schlagwort existiert, sondern als schulische und gesellschaftliche Realität bereits Gestalt angenommen hat, die von Kindern schon vom Grundschulalter an erlebt wird, und die eine starke öffentliche Lobby hat. So hat etwa das "Inter Faith Network for the UK", ein 1987 gegründeter nationaler Zusammenschluß aus 9 überregionalen und 36 lokalen Inter Faith Organisationen sowie den Religionsgemeinschaften selbst und verschiedenen akademischen Bildungseinrichtungen, im Februar 1999 einen Forschungsbericht veröffentlicht zum Thema "Interreligiöser Dialog und Religionsunterricht", der alle lokalen RE-Lehrpläne Englands (über 100) auswertet. Ein wichtiges Ergebnis: Das von allen Beteiligten angestrebte Ziel, Toleranz, Respekt und Wertschätzung für religiöse Vielfalt zu wecken, kann im Religionsunterricht gefördert werden nicht nur durch das Unterrichten über Religionen als separate Systeme, sondern mehr noch durch eine besondere Aufmerksamkeit für die Momente des gegenseitigen Zusammentreffens der Religionen - bei Kooperation, Dialog und gemeinsam entwickelten Visionen, aber auch bei Spannungen und Konflikten. Ein weiteres Anliegen des Reports: Nicht nur Angehörige einer Religionsgemeinschaft sollen durch RE angesprochen werden, sondern in Zukunft stärker auch die wachsende Zahl von "Ungläubigen", da Religion keineswegs das Privateigentum der Kirchen oder anderer Glaubensgemeinschaften sei. Auch Hull (1998) betont: "Religiöse und säkulare Kinder brauchen einander." (8)

Von den Lehrerinnen und Lehrern wird dabei viel Kenntnisreichtum über die großen religiösen Traditionen erwartet sowie soziale Kompetenz bei genau diesen entscheidenden Momenten des Zusammentreffens der verschiedenen Glaubensrichtungen und Weltanschauungen - im Klassenzimmer und außerhalb. Wer kann dies wirklich leisten? Zunächst fällt auf, daß eine weitaus größere Vielfalt an Medien zum Thema Religion und Religionen als in Deutschland auf dem Markt zugänglich ist und auch nachgefragt wird: Bücher für alle Altersgruppen, Videos, Spiele, Artefakte etc. "Religious studies" an Colleges und Universitäten sind weitaus weniger exotisch als hierzulande. Und es gibt eine Vielzahl von Netzwerken und Projekten hochmotivierter Interfaith-Interessierter, die einen Verbesserungsbedarf erkannt und in Eigeninitiative für Abhilfe gesorgt haben. Ein solches Beispiel ist das Interfaith Education Centre in Bradford/Yorkshire. Hier wurde, finanziert von der Stadt Bradford und der Bildungsbehörde in London, konzipiert von engagierten Pädagogen verschieder religiöser Herkunft, 1986 ein Zentrum aufgebaut für die Beratung und Fortbildung von RE-Lehrern. Das IEC arbeitet in engem Kontakt zu den örtlichen Religionsgemeinschaften, aber finanziell unabhängig von ihnen. In internationaler Zusammenarbeit mit anderen europäischen Ländern entstand ein Praxisbuch über Interreligiöse Erziehung und gemeinsame Bürgerwerte mit dem Titel "Regarding Religion - Ideas for school, classroom and community". (9)

Bei allen Gesprächen mit Religionspädagogen in Birmingham und Bradford fiel mir eines besonders auf: Man hat Spaß an der Sache, und dies ist auch den religionspädagogischen Texten und Gebeten anzumerken.

O God lead me in the path of the one who is seeking truth
And protect me from the one who has found it.


Anmerkungen:
(1) John M. Hull (1991): Mishmash. Religious Education in Multi-Cultural Britain. A Study in Metaphor.
John M. Hull ist Professor für Religious Education an der Universität Birmingham. Der Titel greift die polemische Bildersprache der Gegner des multireligiösen Religionsunterrichts auf und untersucht die in der Debatte häufig gebrauchten Essens-Metaphern ("Eintopf", "Einheitssoße", "Cocktail") und ihre emotionalen und kulturellen Hintergründe.
(2) Ebd., S. 9
(3) Michael Grimmit (1982): What Can I Do in R.E.? A Guide to New Approaches.
(4) J. M. Sutcliffe (1984): A Dictionary of Religious Education, S. 154
(5) J. M. Hull (1991), S. 38
(6) Vorwort zu "Mishmash", S. 5
(7) Robert Jackson and Eleanor Nesbitt (1993), Hindu Children in Britain. Zit. n. Hull (1998)
(8) J. M. Hull (1998): Religious Education and Muslims in England: Developments and Principles. In: Muslim Quarterly, Vol. 15, No. 4, 1998, p. 18.
(9) Erhältlich für umgerechnet 40,- DM bei: Interfaith Education Centre, Listerhills Road, Bradford, BD7 1HD, United Kingdom. Fax: 0044 -1274-731621

Nach obe

Christa Dommel,Bremen, Dipl. Religionswissenschaftlerin und freie Verlagslektorin, war 1999 drei Monate lang für das interreligiöse Netzwerk in Birmingham, den 1974 gegründeten Birmingham Council of Faiths tätig.

Aus: DIE BRÜCKE. Zeitschrift für Schule und Religionsunterricht im Land Bremen. Jg.4 (1999), Heft2