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Kinder, Kinder – Kinder gibt es jede Menge hier am Äquator. Immerhin ist die Hälfte der Bevölkerung unter 18 Jahre alt, Kenia ist ein junges Land. Ich habe fünf Situationen von Kindern zusammen-getragen – alle sind Mädchen. Drei von ihnen leben hier in der Stadt. Nairobi hat 3 Millionen Einwohner. Die englischen Kolonialherren hatten es mal als Hauptstadt Ostafrikas ausgebaut. Die Stadtpla-nung sah eine Gartenstadt vor. Das ist es immer noch. Ich schaue durch mein Fenster auf eine Gruppe von großen Silbereichen, den Rasen beschattet die gelbrindige Akazie und weiter links reckt sich der Eukalyptus bei der Gartenmauer gen Himmel. Viele Bäume samt jeder Menge Büsche, blühend in allen Farben finden locker Platz auf dem halben Hektar unseres Grundstücks. Aber die Hälfte der Be-wohner Nairobis drängt sich auf nur 5 Prozent der Stadtfläche in den Slumgebieten zusammen. Die sozialen Unterschiede sind atemberaubend, und mehr noch die Langmut, mit der die meisten Bewoh-ner sie hinnehmen. Viele Bewohner der Slums arbeiten mit geringen Verdiensten als Nachtwächter, Gärtner oder Haushilfen in den Vierteln der Mittel- und Oberschicht. Viele Slumfamilien bestehen nur aus Müttern und Kindern, die Väter gehen hierzulande schnell verloren.
Die meisten kenianischen Kinder leben auf dem Lande. Die Verstädterung schreitet schnell fort, aber noch sind mehr als zwei Drittel der Bevölkerung Bewohner von Dörfern und kleinen Marktflecken. In den riesigen, aber nur dünn besiedelten Trockengebieten ziehen Nomaden mit Rindern, Kamelen und Ziegenherden umher.
Die große Veränderung des vergangenen Jahres war die Wiedereinführung der Schulgeldfreiheit für die Grundschüler bis Klasse 8. Hunderttausende von Familien hatten die Kosten von 20 – 30 € jähr-lich nicht mehr aufbringen können und die Kinder zu Hause gelassen. Mit einem Schlage waren die Klassen jetzt überfüllt, 80 – 100 Kinder pro Klasse sind keine Seltenheit!
Julia, das WaisenmädchenJulia lernte ich vor einigen Jahren im Mädchenprojekt unserer kenianischen lutherischen Kirche kennen. Ihre Geschichte ist anfangs typisch für viele Kinder aus der Unterschicht der Slums: Als sie 9 ist, stirbt der Vater an Aids. Die Mutter bringt sich und die drei Kinder mit ihrem Gemüsestand am Straßenrand durch. Als Julia 12 Jahre alt wird, entwickelt auch die Mutter Aids.. Die letzten Wochen ihres Lebens kann sie ihren Handel nicht mehr fortführen. Der Vermieter ihres Raums im Slum zeigt Verständnis und stundet 2 Monate lang die Miete. Dann stirbt die Mutter. Eine Woche später finden sich die Kinder auf der Straße. Wie üblich, wechselt der Hausbesitzer das Vorhängeschloss aus und gibt den Kindern eine Frist von einigen Tagen, die rückständige Miete beizubringen. Da sie keine Ver-wandten kennen, ist das aussichtslos. Schon in der Zeit der Krankheit waren die kleineren Geschwis-ter dazu übergegangen, sich bei den Marktständen und im Abfall etwas Essbares zusammenzusuchen und nur unregelmäßig nach Hause zu kommen. Jetzt ziehen die Geschwister auf den Markt, um bei den dortigen Straßenkindern Anschluss und etwas Schutz zu finden. Etwa 15 Kinder schlafen dort zwischen den Buden, bei Regen unter den Vordächern. Mit Betteln und aus den Abfällen ernähren sie sich. Viele Kinder sammeln auch Plastiktüten und Flaschen zusammen. Wenn man sie ausspült, kann man sie an die Markthändler für einige Cents verkaufen.
Julia hat Glück und wird von der Sozialarbeiterin des Mädchenprojekts angesprochen. Es ist Januar, und das Mädchenzentrum nimmt zum neuen Schuljahr wieder Kinder auf. Mit ihrer kleinen Schwes-ter kommt sie in die Wohngruppe im Stadtviertel Eastleigh, wo 6 Kinder in Doppelstockbetten sich ein Zimmer teilen. Das Zentrum findet Schulplätze für sie, bezahlt die Schulgebühr, kauft Schuluniform und Bücher. Der jüngere Bruder ist zu der Zeit schon verschwunden, mit anderen Jungen weitergezo-gen in ein anderes Stadtgebiet – sie weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Julia hat jetzt ihre Primarschule abgeschlossen. Der Notenschnitt ist nicht gerade Spitze – aber es reicht zum Start auf der Oberschule. Das Projekt hat sie in ein Internat geschickt.
Neema, ländliche Mittelschicht
Neema ist 11 Jahre alt und wohnt mit Mutter und kleinem Bruder in Westkenia. Ihr Heimatort liegt an der asphaltierten Hauptstraße, viele Häuser haben Strom und Wasser. Die Eltern trennten sich vor vielen Jahren. Die Mutter betreibt in dem kleinen Marktflecken ein Ladengeschäft und ein kleines Restaurant. Sie ist tüchtig und im Ort angesehen. Neema teilt sich das Zimmer mit dem Bruder, der noch im Kinderbettchen schläft, und dem Hausmädchen.
Seit ihrem 6. Lebensjahr geht sie zur Schule. Sie hat es gut, denn die Schule ist gleich um die Ecke. Sie wird gegen 6.30 Uhr geweckt, zieht die Schuluniform an und hat ihr Frühstück mit Tee und fri-schen Schmalzkuchen. Den dreiminütigen Weg bringt sie bis halb acht hinter sich. Jeden Morgen ist in der Schule vor dem Unterricht Aufstellung, die Anwesenheit wird kontrolliert und die Nationalhymne gesungen. Dann sind die Kinder in Gruppen zum Saubermachen eingeteilt. Kenianische Schulen ha-ben überwiegend keine Putzfrauen. Die einen sammeln Papier und Plastik ein, die anderen fegen den staubigen Hof, die nächsten tragen Wasser herbei und besprengen das Schulgelände, um in der mehrmonatigen Trockenzeit die Staubwolken zu binden. Wieder andere fegen Gänge und Klassenzimmer und reinigen die Plumpsklos.
Um 8 Uhr beginnt der Unterricht. Seit sie in Klasse 4 ist, muss sie nach der Mittagspause um 14 Uhr wieder zurück in die Schule, die dann bis um 17.00 dauert. Immer drei Mädchen sitzen zusammen auf einer Schulbank, insgesamt drängen sich 60 Kinder im Klassenraum. Nicht alle haben Schulbücher, aber der Lehrer setzt sie so, dass die anderen bei jemand mit hineinsehen können. Das Schulgebäude sieht nach Rohbau aus – es gibt keine Türen und Fenster. Da die Mutter gut verdient, bekommt sie mittags auch immer etwas zu essen – meist Pfannkuchen oder Brot mit Eiern, Hühnchen oder etwas Fleisch. Viele Kinder haben nichts mitzubringen – es wird aber geteilt und untereinander abgegeben.Auf dem Heimweg spielt sie noch mit Freundinnen. Dann kommen zuhause die Schularbeiten an die Reihe, und gegen 19.00 essen die Kinder mit dem Hausmädchen, denn Mutter arbeitet noch. Um 8 Uhr sind sie im Bett.
Im kommenden Jahr wird Neema in eine Internatsschule gehen und die Mutter nur noch in den Ferien sehen. Kenianische Eltern investieren viel in die Ausbildung der Kinder.
Kavuli, im Dorf am Stadtrand
Die 12jährige wohnt mit Mutter und der jüngeren Schwester in einem Zimmer am Rande eines ärmeren Viertels von Nairobi. Manche Leute nennen die Gegend Slum – die Bewohner selbst sprechen vom „Dorf“. Der Ausdruck stammt noch aus der Zeit, bevor dieses Gelände in die wachsende Stadt eingegliedert wurde. Von Dorf ist nichts mehr zu spüren – längst ist jeder freie Fleck bebaut. Mehr-stöckige Mietshäuser wechseln sich ab mit rohen Backsteingebäuden und Wellblechbaracken. Kavulis Familie hat ihr Zimmer in einer „line“ – einem langgestreckten eingeschossigen Ziegelbau mit Blechdach. Etwa 40 Personen teilen sich das Bad und die Toilette. Jedes Zimmer hat eine Glühbirne an der Decke und eine Steckdose, dazu einen festen Zementfußboden. Die billigeren Unterkünfte weisen nur unbefestigten Fußboden auf und haben keinen Strom. Auf dem Grundstück befindet sich auch eine Pumpe. Hier holen sie das Wasser zum Waschen – die Mutter achtet darauf, dass sie es nicht trinken, denn es ist nicht sicher - fast alle Häuser hier haben nur Plumpsklos, die in den Erdboden versickern.
Mutter hat nur dreimal bis viermal in der Woche Arbeit in einem Haushalt, wo sie saubermacht, wäscht und kocht.
Deshalb reicht es morgens nie zum Frühstück – Kavuli geht nach einer Tasse Tee mit Milch und Zucker zur Schule. Mittags kann sie nach Hause kommen, wo auf die Kinder manchmal ein Imbiss wartet, oft aber auch nur wieder Tee in der Thermoskanne. Die Schule hier in der Stadt schließt schon gegen 16.00 – dann macht sie Schulaufgaben und kann bis 18.00 mit den Mädchen in der Nachbar-schaft spielen. Bis dann hat die Mutter auch für die beiden Kinder auf einem kleinen Holzfeuer auf drei Steinen im Hof zwei Liter Wasser erhitzt, mit dem sie jetzt ins Badezimmer gehen. Beim tägli-chen Bad wäscht Kavuli für sich und die Schwester auch ihre weißen Socken der Schuluniform sowie ihre Unterwäsche durch – die größeren Stücke macht noch die Mutter für die beiden. Dafür erledigen die Mädchen nach dem Abendessen den Abwasch. Fast jeden Abend gibt es Ugali, einen steifen Maisbrei mit Blattgemüse, Kohl, Bohnen oder Kochbananen. Der dreizehnjährige Bruder ist im Internat, das ein Priester für ihn bezahlt. Bis vor zwei Jahren war der Bruder bei der Großmutter auf dem Dorfe gewesen, wo das Leben billiger ist. Dann riss er dort aus und kam nach Nairobi, ohne sich bei der Mutter zu melden. Die Mutter suchte ihn tagelang und holte ihn mit einem Sozialarbeiter aus einer Bande von Straßenjungen heraus, die am Stadtrand in einem Waldstück kampierten.
Teresia, auf dem LandeWie die meisten kenianischen Kinder lebt Teresia auf dem Lande. Ihre Mutter ist eine von fünf Frauen des Vaters. Ihre runden Strohhäuser stehen im weiten Kreis um das kleine Haus mit Lehmwänden, in dem der Vater wohnt. Jede der Frauen lebt mit ihren Kindern zusammen, insgesamt sind es 28. Teresia hat 7 Geschwister.
Die meisten Leute hier in der Gegend wohnen in solchen verstreuten Gehöften. Bis zur nächsten Teerstraße sind es etwa drei Stunden zu Fuß. Hier wartet man auf ein Fahrzeug, wenn man in die Stadt will, wo man dann auch elektrisches Licht erleben kann.
Der Tag beginnt früh, mit dem Hahnenschrei gegen 5.30 Uhr. Die Jungen werden aufs Feld geschickt, die Mädchen zum Wasserholen an den Fluss, der anderthalb Kilometer entfernt ist. Jedes der drei Mädchen füllt einen Wassereimer und trägt ihn zum Haus. Damit wird gekocht und gewaschen.
Um 7.30 müssen sie zum Morgenappell in der Schule sein. Die Schule hat Lehmwände und ein Blechdach, der Fußboden besteht ganz traditionell aus einer Mischung aus Stampferde und Kuhdung. Auf den langen Schulbänken sitzen 35 Kinder nebeneinander in der Klasse. Schulbücher gibt es keine. Der Lehrer schreibt alles an die Tafel, und die Kinder kopieren den Anschrieb ins Heft.
Die Disziplin wird mit harschen Maßnahmen aufrechterhalten. Wer den Lehrer stört, wird auf den Fußboden in die Ecke gesetzt. Offiziell sind Schläge seit drei Jahren nicht mehr erlaubt, aber nach wie vor setzt es einen Hieb für jeden Rechenfehler, wenn man aufgerufen wurde. Wer zuviel Unsinn macht, steckt mehr ein. Einmal in der Woche bearbeitet jede Klasse einige Stunden lang ihr Feld, auf dem Kartoffeln, Bohnen, Kürbis oder Mais angebaut wird. Das gilt als praktische Ausbildung in Landwirtschaft und ist gut für den Schulleiter, der die Ernte bekommt, wovon er den anderen Lehrern etwas abgibt.Wenn die Kinder am Spätnachmittag nach Hause kommen, wartet auf die größeren Mädchen die Zubereitung des Abendessens. Dies ist die einzige Mahlzeit, denn hier auf dem Dorf sind unter der Wo-che weder Frühstück noch Mittagessen üblich. Es gibt Hirse- bzw. Maisbrei mit Blattgemüse, Bananen oder Bohnen. Die Kinder essen für sich, denn die Mütter leisten abends meist dem Vater Gesellschaft, wenn er daheim ist.
Samstags ist für alle Kinder Feldarbeit dran. Die Mädchen sind abwechselnd eingeteilt, Hirse oder Mais im Mörser zum Mehl für den Wochenvorrat zu stampfen. Sonntags geht es ruhiger zu. Die Mutter macht sich mit ihren sieben Kindern auf den einstündigen Weg in die Kirche, und dann bleibt nur noch das Mittagessen zu kochen.
Titi, städtische MittelschichtDie sechzehnjährige Titi muss nicht zur Schule laufen, denn das finden ihre Eltern in der Stadt viel zu gefährlich und zu weit. Papa ist ein höherer Bankangestellter, und Mutter ist Lehrerin. Jeden Morgen setzt der Vater sie mit dem Auto an der Schule ab, zurück fährt sie mit Klassenkameradinnen. Die Eltern wechseln sich im Fahrdienst ab. Ihre Oberschule wird von katholischen Schwestern geleitet. Der Stundenplan folgt dem englischen Lehrplan, nicht dem staatlichen kenianischen. Vielleicht ergibt sich ja nach der Schule die Möglichkeit, im Ausland zu studieren. Das hoffen die Eltern wenigstens.
Das Schulgelände darf sie zwischen 8.00 und 16.30 Uhr nicht verlassen, obwohl sie z.B. mittwochs immer nur 2 Doppelstunden hat. Dann soll sie sich in der Bibliothek aufhalten und lernen – Herumlaufen auf dem Schulgelände ist außerhalb der Pausen nicht erlaubt. In ihrem Reihenhaus hat Titi ein eigenes Zimmer. Da macht sie auch die Schularbeiten, die sie nicht während der Freistunden erledigen kann. Wenn die Eltern nicht da sind, schaut sie im Fernsehen am liebsten den Musikkanal aus dem Nachbarland Tansania und tanzt die Schritte nach. In der Schule gehört sie zu den Assen der Schwimmmannschaft und fährt zu Wettkämpfe gegen andere Mädchenschulen mit.
Hin und wieder darf sie am Wochenende bei einer Freundin übernachten. Ihre Eltern dürfen aber nichts davon wissen, dass die Mutter der Freundin die Mädchen Freitag abends für ein paar Stunden in einer Disko absetzt und erst gegen Mitternacht wieder abholt. Dann kann sie sich auch mit Jungen aus der benachbarten Schule treffen, die sie sonst immer nur auf dem gemeinsamen Parkplatz trifft, wenn sie auf die Abholung wartet. Wenn der Verkehrsstau heftig genug ist, wartet man länger und kann sich unterhalten.
Titi weiß schon ganz genau, dass sie später Rechtsanwältin werden will.