Islamkunde an Bremens Schulen
Modellprojekt vor dem Anfang

Manfred Spieß

Am 3. Juli 1999 ist die Frage nach einem islamischen Religionsunterricht an Bremer Schulen im Rahmen einer Podiumsdiskussion in der Universität Bremen diskutiert worden. Es wurde vereinbart, unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Dr. Scherf und unter Federführung des Bildungsressorts einen „Runden Tisch“ einzurichten. Der „Runde Tisch“ hat sich insgesamt dreimal getroffen und wurde von Oberschulrat Werner Willker moderiert, der den Bildungssenator vertrat.
Beim ersten Runden Tisch am 23.03.2000 versammelten sich zahlreiche Teilnehmende im Rathaus – Vertreter der Moscheen und islamischen Gemeinden, sowie der beiden großen christlichen Kirchen und anderer Gruppierungen. Für viele Muslime war dieses erste Treffen vermutlich desillusionierend, weil sich durch die bremische Verfassungslage ein „breiter Graben“ zwischen Wunsch und Wirklichkeit auftat. Gewünscht haben sich viele einen islamischen Religionsunterricht nach dem Vorbild eines „konfessionellen Religionsunterrichts“, wie es in anderen Bundesländern augrund der Gültigkeit von Artikel 7,3 des Grundgesetzes möglich ist. Dieser einschlägige Artikel regelt bekanntlich die „Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“, die für den Religionsunterricht gelten soll. In Bremen gilt dieser Passus jedoch nicht, das ist durch die „Bremer Klausel“ im GG (Artikel 141) geregelt.
Der Vertreter des Senators für Justiz und Verfassung machte deutlich, unter welchen Bedingungen es in Bremen überhaupt nur einen islamischen Religionsunterricht geben könne. Ohne eine Verfassungsänderung, die nicht beabsichtigt sei, könne islamischer Religionsunterricht in Bremen nicht flächendeckend eingeführt werden.* Es könne nur um ein Modellprojekt an wenigen Schulen gehen (Man einigte sich später daher auf die Sprachregelung „Islamkunde“ an Stelle von „Religionsunterricht“). Der Unterricht müsse in deutscher Sprache auf der Basis eines mit der Bildungsbehörde entwickelten Curriculums erteilt werden. Unterrichten können nur an deutschen Universitäten ausgebildete Lehrkräfte, die unter staatlicher Aufsicht stehen.
Am zweiten „Runden Tisch“ nahmen deutlich weniger muslimische Vertreter teil, was sicher auf die in der Verfassung für manchen zu eng gefassten Rahmenbedingungen zurückzuführen ist. Der zweite Runde Tisch ging mit der Perspektive auseinander, dass die muslimischen Vertreter bis zum Sommer 2001 ein Lehrplanentwurf erarbeiten und vorlegen wollten. Nach den Sommerferien – verzögert durch die Ereignisse um den 11. September – traf sich der Runde Tisch am 6. November zum dritten und letzten Mal. Den Anwesenden lag inzwischen ein Grundkonzept „Islamunterricht an Bremer Schulen“ – bezogen auf die Klassenstufen 5 und 6 - vor. Dieses Treffen war sehr eindrücklich. Die Vertreter der islamischen Gemeinden konnten zu Recht, finde ich, stolz auf die von ihnen geleistete Arbeit sein. Einer sagte: „Selbst wenn aus dem Projekt Islamkunde nichts wird, so hat es sich für uns doch gelohnt. Wir haben uns nämlich geeinigt. Wir haben eine von allen mitgetragene Position entwickelt und das war schwer genug.“ Die Muslime betonten, dass sie diese Arbeit als „Laien“ getätigt hatten, nicht als Pädagogen. Die didaktische Umsetzung ihres Grundkonzeptes müsse jetzt vom Senator für Bildung und von den Pädagogen selber geleistet werden.
Faktisch handelt es sich bei dem vorgelegten Grundkonzept noch um keinen Lehrplan, sondern um einen Stoffplan in katechetischer Tradition. Jedoch kann man von einer „fortschrittlichen Katechese“, die auf Weiterentwicklung angelegt ist, sprechen. Diese sollte sich noch stärker orientieren auf
- Beziehung zu der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen
- interreligiöse Lebens- und Lernzusammenhänge
- allgemein pädagogische Bildungsziele.

Das Projekt „Islamkunde“ soll zum Schuljahr 2002/2003 an zwei Sek. I-Schulen im Bremer Westen realisiert werden. Laut Auskunft von Herrn Willker wird dies aber nur geschehen, wenn an diesen Schulen parallel Biblische Geschichte und möglichst auch Philosophie angeboten werde, so dass sich ein für alle SchülerInnen verpflichtendes Fächerangebot ergäbe. Aus politischen Kreisen hat sich auch die CDU pointiert in dieser Hinsicht geäußert.
Als Vertreter des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen begrüßte Propst Ansgar Lüttel das vorgelegte Grundkonzept und äußerte zugleich die Hoffnung, der biblische Geschichtsunterricht der Zukunft möge erkennbar christlich konturiert sein.

Einige muslimische Teilnehmer äußerten ihre Sympathie für den Biblischen Geschichtsunterricht, der sich immer auch für die Muslime aufgeschlossen gezeigt habe. Um den muslimischen Kindern und Jugendlichen islamische Grundkenntnisse nahe zu bringen, sei jedoch ein besonderer Unterricht nötig.

Vertreter des Studienganges Religionswissenschaft/Religionspädagogik und der christlichen Religionslehrer gaben zu bedenken, dass eine Differenzierung der Schulkinder nach Religionen nicht nur „unbremisch“ , sondern auch aus pädagogischen Gründen nicht zu empfehlen sei. Sie regten an, viele gemeinsame Phasen für die ganze Schulklasse in den Unterricht einzuplanen, um das gegenseitige Verstehen und das interreligiöse Miteinander stärker zu fördern. Und später solle man das zusammenführen, was zusammengehört!

Zieht man ein Resümee, so ist die Kooperationsleistung der mehr als 14 verschiedenen muslimischen Vereinigungen und Moscheen wirklich zu würdigen. Man stelle sich einmal vor, auch nur halb so viele christliche Gemeinschaften seien aufgerufen, ein gemeinsames Grundkonzept für Religionsunterricht in der Schule in 15 Monaten zu erarbeiten: Evangelische, katholische, orthodoxe, freikirchliche und andere christliche Sondergemeinschaften .... es stünde schlecht um die Realisierung!
Für die muslimischen Vertreter ist unabdingbar, dass der Islamunterricht von muslimischen Lehrkräften erteilt werden soll; der Vertreter der Bildungsbehörde zeigte sich diesem Wunsch gegenüber verständnisvoll und verwies auf den Studiengang Religionswissenschaft/Religionspädagogik der Universität Bremen, wo bereits jetzt schon einige muslimische Studierende sich auf das Lehramt vorbereiten.

Der weitere Lauf der Dinge bleibt abzuwarten. In der nächsten Zeit sollen zwei Lehrer-Stellen für das Modellprojekt Islamkunde ausgeschrieben werden. Die Schulbehörde hat sich selbst ein Junktim gestellt: Nur an Schulen, wo es Biblische Geschichte und Philosophie (Alternativfach) gibt, darf das Modellprojekt gestartet werden. - Wie miserabel die Gesamtsituation in Bremen ist, das ist ja sattsam bekannt! Man darf gespannt sein, wie die Realisierung dieses neuen Planes vollzogen wird.

* Nicht geklärt ist, ob Art 32 der Landesverfassung die Einrichtung eines weiteren „religiösen“ Schulfaches zulässt oder verhindert. Auch Karlsruhe hat in den jüngsten Verlautbarungen zu LER wider Erwarten nichts dazu gesagt. Da von den politischen und kirchlichen Institutionen Änderungen am Art. 32 strikt abgelehnt werden und auch noch nicht einmal rechtliche Gutachten eingeholt werden, ist mit einer fundierten Diskussion und Klärung in Bremen auch weiterhin nicht zu rechnen.


In der BRÜCKE sind bisher folgende Beiträge erschienen, die zum Themenbereich „Islamunterricht“ gehören:
Heft 1/97: „Wie wir miteinander umgehen, das ist die Prüfung“ (Grossmann/Spieß)
Heft 1/99: Neues aus der Welt des Religionsunterrichts (Schröder-Klein)
Heft 2/99: Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Bremen? Neun Thesen (Lott)
Jahresheft 2000: „Religionen im Gespräch – Welchen Religionsunterricht brauchen Bremens Schulen? (Huhle)
Jahresheft 2000: Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Bremen? Zu Jürgen Lotts neun Thesen (Eisenhauer)
Heft 1/2001: „Wird der Islam bald zum Schulfach?“ – Stellungnahme von Schülerinnen aus Bremen (Echos zum Aufruf „Wertevermittlung in der Schule – aber wie?“

aus: DIE BRÜCKE Heft 2/2001

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